FAQ: Morbus Waldenström
Der M. Waldenström ist eine Erkrankung von Lymphzellen (Lymphozyten), die die Eigenschaft haben, ein bestimmtes Eiweiß herzustellen. Dieses Eiweiß ist eigentlich ein Abwehrstoff, also ein Antikörper. Er wird jedoch aufgrund eines genetischen Defektes fälschlicherweise von einer kranken Zellgruppe produziert, ohne eine Abwehrfunktion zu erfüllen. Diese Zellgruppe aus Lymphozyten geht aus einem einzelnen Lymphozyten über Millionen von Teilungsschritten hervor, und hat sich daraus vermehrt. Man nennt diese Zellen daher "klonal", d.h. alle Zellen gehen auf eine "Mutterzelle" zurück. Das fälschlicherweise gebildete Eiweiß aus dieser klonalen Zellgruppe heißt "monoklonales" Paraprotein (also "Neben"-eiweiß), da es nicht als normales Eiweiß im Blutstrom vorkommen würde. Der Morbus Waldenström produziert ein ganz spezielles Eiweiß, das Immunglobulin M (IgM).
Die Erkrankung bekommen etwa 5/1.000.000 Einwohner pro Jahr. Man weiß nicht, woher die Krankheit kommt. Allergien, Autoimmunkrankheiten, Infektionen oder beruflicher Kontakt mit schädlichen Substanzen scheint keine Rolle zu spielen. Eine Studie zeigte allerdings, das bis zu 40% von nahen Verwandten eines Betroffenen häufiger schwere Infekte oder immunologische Störungen haben. Möglicherweise gibt es also genetische Ursachen für die Erkrankung.
M. Waldenström tritt meist in höherem Lebensalter auf, mittleres Erkrankungsalter etwa 60 Jahre. Die meisten Patienten beklagen sich v.a. über Gewichtsverlust, Schwäche und Appetitlosigkeit. Lagert sich das Paraprotein an Nerven und Gefäßen ab, so können Nervenschädigungen mit Mißempfindungen und Durchblutungsstörungen auftreten. Patienten mit Kryoglobulinämie haben häufig Blutungsneigung mit roten, punktförmigen Blutungen unter der Haut. Kryoglobulin bedeutet übrigens, daß das Paraprotein bei niedrigen Temperaturen ausfällt (präzipitiert), also nicht mehr löslich ist und daher die Durchblutung stört. Meist haben diese Patienten mehr als 50 g/l Paraprotein IgM.
Das Paraprotein kann aber auch mit Gerinnungsfaktoren reagieren und diese in ihrer Funktion stören, so daß eine ausgeprägte Blutungsneigung resultiert.
Nervenfunktionsstörungen kommen dadurch zustande, daß die IgM-Eiweiße sich gegen bestimmte Oberflächenstrukturen der Nerven richten und sich dort festsetzen.
Auch der Abbau des eigenen Blutes, also der roten Blutkörperchen kann daher rühren, daß IgM sich an rote Blutkörperchen bindet, und diese dann in der Milz aussortiert werden.
Lagert sich das IgM in anderen Geweben ab (Herz, Niere, Leber), so kann es in seltenen Fällen zu der sogenannten Amyloidose kommen, einer Funktionsstörung der Organe durch die Ablagerung des Paraproteins. Das kann ernste Konsequenzen bis zum Organausfall nach sich ziehen.
Ein weiteres Problem beim M. Waldenström ist die Tatsache, daß die bösartigen Lymphozyten ("das Lymphom") sich im Körper ausbreiten und verschieden Organe (Knochenmark, Magen-Darm-Trakt, Lunge, Niere, Gehirn) befallen. Das äußert sich in Husten, Blutungen im Magen-Darm-Trakt, Luftnot, Flüssigkeitsansammlungen im Rippenfell, Durchfällen, Störungen in der Nahrungsaufnahme, Hautverändrungen, Konzentrationsstörungen bis zur Verwirrtheit und vielem mehr.
Die Prognose der Patienten ist anfänglich eher günstig, da das Lymphom langsam fortschreitet. Durchschnittliche Überlebenszeit ist 78 Monate nach Diagnosestellung. Hinweise auf eine ungünstige Krankheitsentwicklung sind männliches Geschlecht, niedrige weiße Blutkörperchen im Blut (Neutropenie), niedriger roter Blutfarbstoff (Hb< 10g/dl), Alter > 60 Jahre. Auch Kryoglobulinämie ist eher ungünstig.
Die Behandlung richtet sich nach dem Stadium der Erkrankung und den Problemen des Patienten. Anfänglich, wenn nur die Laborwerte auffällig sind und sich ein Paraprotein nachweisen läßt, sollte man gar nichts machen. Treten Nebenwirkungen durch das Paraprotein auf, kann eine alleinige Plasmapheresebehandlung manche Patienten über Jahre symptomfrei halten.
Behandlungsbedürftige Patienten mit fortgeschrittenerem Lymphom werden meist mit Chlorambucil, Cyclophosphamid oder Melphalan behandelt. Allerdings können Langzeitbehandlungen mit diesen Medikamenten Leukämien auslösen. Die Kombination verschiedener Chemotherapeutika erreicht zwar bei den Patienten häufiger einen Krankheitsrückgang, die Gesamtüberlebenszeit gegenüber Patienten mit Einzel-Therapie ist jedoch nicht erhöht. Interferon alpha hat ebenfalls eine begrenzte Wirksamkeit gezeigt.
Neuere Chemotherapeutika wie Fludarabin und 2-CDA haben bei unvorbehandleten Patienten gute (50-90%), bei vorbehandleten Patienten immer noch ordentliche (35-55%) Ansprechraten gezeigt.
Patienten, die auf Chemotherapie nicht mehr ansprechen, reagieren gelegentlich überraschend gut auf eine Milzentfernung, so daß jahrelange Verbesserungen des Allgemeinzustandes resultieren können.
30% von Patienten mit chemotherapieresistentem M. Waldenström können von der Gabe des Antikörpers Rituximab profitieren. Der Antikörper bindet an das CD20-Molekül auf der Oberfläche der Lymphozyten und führt dadurch auf verschiedenen Wegen zum Tod der Zelle.
Schließlich kann bei Patienten in relativ gutem Allgemeinzustand noch die Option einer Hochdosischemotherapie und Blutstammzelltransplantation versucht werden. Hierbei wird versucht, durch normale Chemotherapie eine maximale Tumorreduktion im Körper zu erreichen. Danach wird den Patienten eine sogenannte Mobilisierungschemotherapie verabreicht, die zum Ziel hat, Stammzellen der Blutbildung ins Blut auszuschwemmen. Normalerweise sind Stammzellen der Blutbildung, die "Mutterzellen", aus denen alle Blutzellen hervorgehen, nur im Knochenmark vorhanden. Die Mobilisierungstherapie soll diese Mutterzellen dazu bringen, im Blutstrom aufzutauchen, wo sie dann problemlos über eine Art Blutwäsche eingesammelt werden können. Danach folgt im Abstand von wenigen Wochen eine Hochdosischemotherapie mit dem Ziel, die Resttumormasse zu vernichten. Zum Wiederaufbau des Blutes werden dann die Blutstammzellen zurückgegeben. Dieses Verfahren kann nur in speziellen Kliniken durchgeführt werden und ist üblicherweise auf Patienten bis 60 - 65 Jahre begrenzt.